Zahnlosigkeit ist in Deutschland seltener geworden, aber sie ist nicht verschwunden - vor allem im höheren Alter. Wer betroffen ist, steht vor einer Entscheidung, die selten gut erklärt wird: Es gibt nicht „die Prothese”, sondern eine Reihe von Lösungen mit sehr unterschiedlichem Halt, Aufwand und Preis.
Wichtige Erkenntnisse
- Der Unterkiefer ist das Problemkind: Dort hält eine klassische Prothese am schlechtesten.
- Schon zwei Implantate verändern den Halt einer Unterkieferprothese grundlegend.
- Festsitzender Zahnersatz ist möglich, aber deutlich aufwendiger in Herstellung und Pflege.
- Der Kieferknochen bildet sich ohne Belastung weiter zurück - eine Prothese, die heute passt, sitzt in fünf Jahren anders.
- Die Kasse zahlt einen befundbezogenen Festzuschuss, unabhängig von der gewählten Lösung.
Die vier Wege im Überblick
| Lösung | Halt | Kosten je Kiefer | Aufwand |
|---|---|---|---|
| Klassische Vollprothese | Saugwirkung und Muskulatur | 700 bis 1.500 Euro | kein Eingriff |
| Prothese auf zwei Implantaten (Kugelkopf, Locator) | gute Fixierung, herausnehmbar | 3.500 bis 6.000 Euro | kleiner Eingriff |
| Prothese auf Steg oder vier Implantaten | sehr fester Sitz, herausnehmbar | 6.000 bis 12.000 Euro | mittlerer Eingriff |
| Festsitzende Brücke auf 4 bis 8 Implantaten | wie eigene Zähne | 10.000 bis 20.000 Euro | großer Eingriff |
Die Preise sind Größenordnungen für den deutschen Markt und schwanken erheblich mit Material, Labor und Region.
Die klassische Vollprothese
Die bekannte „Dritte” aus Kunststoff, die auf der Schleimhaut aufliegt. Im Oberkiefer funktioniert sie überraschend gut: Der Gaumen bietet eine große Fläche, an der sich die Prothese durch einen dünnen Speichelfilm festsaugt.
Im Unterkiefer ist die Ausgangslage ungünstig. Der Kieferkamm ist schmal, es gibt keine Fläche zum Ansaugen, und Zunge, Lippe und Wangenmuskulatur heben die Prothese bei jeder Bewegung an. Genau das ist der Grund, warum Haftcreme in erster Linie im Unterkiefer verbraucht wird.
Wofür sie taugt: als kostengünstige Lösung, als Übergang, oder wenn ein chirurgischer Eingriff aus gesundheitlichen Gründen nicht infrage kommt.
Wofür nicht: wenn harte Nahrung, sicheres Sprechen und ein zuverlässiger Sitz im Alltag zählen.
Prothese auf zwei Implantaten
Der größte Sprung im Verhältnis von Aufwand zu Wirkung. Zwei Implantate im Bereich der ehemaligen Eckzähne, darauf Halteelemente - Kugelköpfe oder sogenannte Locatoren -, in die die Prothese einrastet.
- Der Halt ist deutlich besser, die Prothese kippt und wandert nicht mehr.
- Sie bleibt herausnehmbar und lässt sich außerhalb des Mundes reinigen - ein praktischer Vorteil, der mit dem Alter wichtiger wird.
- Der Eingriff ist überschaubar, die Kosten liegen weit unter denen einer festsitzenden Lösung.
- Die Halteelemente nutzen sich ab und werden alle ein bis drei Jahre ausgetauscht. Das ist ein kleiner Routinevorgang, kein Defekt.
Für viele Betroffene im Unterkiefer ist das die Lösung mit dem besten Verhältnis von Nutzen zu Kosten.
Prothese auf Steg oder vier Implantaten
Vier Implantate, verbunden durch einen Steg, auf den die Prothese aufgeklipst wird. Der Sitz ist nahezu unverrückbar, die Kraftverteilung gleichmäßig. Im Oberkiefer lässt sich die Prothese dabei oft gaumenfrei gestalten - was Geschmacksempfinden und Sprachgefühl spürbar verbessert.
Nachteil: Der Steg braucht Platz und muss gereinigt werden, was Fingerfertigkeit voraussetzt.
Festsitzender Zahnersatz
Eine Brücke, die dauerhaft auf den Implantaten verschraubt ist und nur von der Praxis abgenommen wird. Das kommt dem Gefühl eigener Zähne am nächsten.
Die bekannteste Variante ist All-on-4: vier Implantate, die beiden hinteren schräg gestellt, um vorhandenen Knochen auszunutzen und einen Knochenaufbau zu vermeiden. Je nach Befund werden auch sechs oder acht Implantate gesetzt.
Zu bedenken:
- Die Reinigung ist anspruchsvoll. Unter der Brücke muss täglich mit Spezialbürsten und Superfloss gearbeitet werden.
- Bei einem technischen Problem an einem Implantat ist die gesamte Konstruktion betroffen.
- Der Eingriff ist der größte der hier genannten.
- Die Kosten liegen im fünfstelligen Bereich.
Was die Kasse zahlt
Auch beim zahnlosen Kiefer gilt der befundbezogene Festzuschuss: Er richtet sich nach dem Zustand, nicht nach der gewählten Versorgung. Für einen zahnlosen Kiefer ist die Regelversorgung die Vollprothese; der Festzuschuss beträgt 60 Prozent ihrer Kosten und steigt mit dem Bonusheft auf bis zu 75 Prozent.
Bei geringem Einkommen greift die Härtefallregelung mit dem doppelten Festzuschuss - dann ist die klassische Vollprothese in der Regel zuzahlungsfrei. Wer sich für eine implantatgetragene Lösung entscheidet, bekommt denselben Betrag angerechnet; die Differenz bleibt Eigenanteil.
Der Knochen arbeitet weiter
Ein Punkt, der bei der Entscheidung oft fehlt: Unter einer rein schleimhautgetragenen Prothese baut sich der Kieferknochen weiter ab. Die Prothese drückt, statt zu belasten. Nach Jahren sitzt sie schlechter, muss unterfüttert werden - und irgendwann ist so wenig Knochen übrig, dass auch Implantate nur noch mit Aufbau möglich sind.
Implantate wirken dem entgegen, weil sie Kaukraft in den Knochen leiten. Wer eine Implantatlösung grundsätzlich in Betracht zieht, sollte deshalb nicht zu lange warten. Was dabei zu beachten ist, steht unter Voraussetzungen und Implantate im Alter.
Fazit
Für den Oberkiefer ist die klassische Vollprothese oft eine brauchbare Lösung. Für den Unterkiefer sind zwei Implantate der Schritt, der im Alltag am meisten verändert - und der im Verhältnis zu festsitzendem Zahnersatz günstig ist. Festsitzend wird es dort sinnvoll, wo Halt und Gefühl den Ausschlag geben und die tägliche Reinigung sicher gelingt.
Themen: Implantate Zahnersatz & Prothesen