Nach einem Zahnverlust beginnt der Kieferknochen, sich zurückzubilden. Ihm fehlt der Reiz, den die Zahnwurzel beim Kauen weitergegeben hat. Der Abbau ist im ersten Jahr am stärksten und geht danach langsamer weiter - über Jahre entsteht so ein schmaler, flacher Kieferkamm, in dem kein Implantat mehr sicher verankert werden kann.
Genau hier setzt der Knochenaufbau an, fachlich Augmentation genannt.
Wichtige Erkenntnisse
- Der Knochenabbau nach Zahnverlust ist unvermeidlich, aber verlangsambar - wer zeitnah versorgt, braucht seltener einen Aufbau.
- Welches Verfahren infrage kommt, entscheidet sich an Umfang und Richtung des Defekts.
- Kleine Aufbauten laufen im selben Eingriff wie die Implantation, größere brauchen eine eigene Heilphase.
- Eigenknochen ist der Maßstab, Ersatzmaterialien sind heute in vielen Situationen gleichwertig einsetzbar.
- Rauchen ist auch hier der Faktor, der die Erfolgsaussichten am deutlichsten senkt.
Wann ein Aufbau nötig wird
Ein Implantat braucht ringsum Knochen. Als grober Anhaltspunkt gilt: mindestens ein bis zwei Millimeter Knochen um das Implantat herum, plus ausreichend Höhe bis zu Nervkanal oder Kieferhöhle. Fehlt das, gibt es drei Wege:
- Aufbauen. Der aufwendigste, aber in den meisten Fällen beste Weg.
- Kürzere oder schmalere Implantate. Bei moderaten Defiziten heute eine belastbare Alternative.
- Auf das Implantat verzichten. Brücke, Teilprothese oder das bewusste Belassen der Lücke.
Welcher Weg passt, hängt nicht nur vom Röntgenbild ab, sondern auch davon, wie viele Termine und welche Kosten realistisch tragbar sind.
Die Verfahren im Überblick
Guided Bone Regeneration (Membrantechnik)
Das Standardverfahren für kleine bis mittlere Defekte. Der Defekt wird mit Knochenersatzmaterial aufgefüllt und mit einer Membran abgedeckt. Die Membran hält das schneller wachsende Weichgewebe fern, damit der langsamere Knochen Zeit hat, den Raum auszufüllen.
- Einsatz: Auffüllen einzelner Lücken, Verbreitern schmaler Kieferkämme
- Heilzeit: drei bis sechs Monate
- Besonderheit: oft gleichzeitig mit der Implantation möglich
Knochenblock (Blockaugmentation)
Bei größeren Defekten wird ein Knochenblock entnommen - meist aus dem Kieferwinkel oder dem Kinnbereich - und an der Empfängerstelle mit kleinen Schrauben fixiert. Nach dem Einheilen werden die Schrauben entfernt und implantiert.
- Einsatz: ausgeprägter Knochenmangel in Höhe oder Breite
- Heilzeit: sechs bis neun Monate
- Besonderheit: zweite Wunde an der Entnahmestelle, entsprechend mehr Schwellung
Bone Splitting und Bone Spreading
Ein schmaler Kieferkamm wird längs gespalten und vorsichtig aufgedehnt. In den entstandenen Spalt kommt Ersatzmaterial, oft zusammen mit dem Implantat.
- Einsatz: schmaler, aber ausreichend hoher Kieferkamm
- Heilzeit: drei bis vier Monate
- Besonderheit: kein zusätzliches Entnahmegebiet nötig
Sinuslift
Im Oberkieferseitenzahnbereich reicht die Knochenhöhe oft nicht, weil die Kieferhöhle nach unten reicht. Beim Sinuslift wird ihr Boden angehoben und der gewonnene Raum aufgefüllt. Das Verfahren hat einen eigenen Text: Sinuslift.
Distraktionsosteogenese
Ein Knochensegment wird durchtrennt und über Wochen langsam mit einer Schraubvorrichtung auseinandergezogen; im entstehenden Spalt bildet sich neuer Knochen. Ein Spezialverfahren für ausgeprägte vertikale Defekte, das heute seltener eingesetzt wird.
Sozialerhalt bei der Extraktion
Kein Aufbau im eigentlichen Sinn, sondern Vorbeugung: Wird das leere Zahnfach direkt nach dem Ziehen aufgefüllt, fällt der spätere Abbau geringer aus. Wer weiß, dass ein Implantat kommen soll, sollte das bei der Extraktion ansprechen - es erspart später oft den großen Eingriff.
Welches Material
| Material | Herkunft | Eigenschaften |
|---|---|---|
| Eigenknochen (autolog) | eigener Kiefer | wächst am zuverlässigsten ein, zweite Wunde nötig |
| Spenderknochen (allogen) | aufbereiteter menschlicher Knochen | keine zweite Wunde, gute Datenlage |
| Tierisches Material (xenogen) | meist Rind, aufbereitet | formstabil, wird langsam umgebaut |
| Synthetisch (alloplastisch) | Calciumphosphate, Biogläser | frei von biologischem Material, Umbau je nach Produkt |
Die Wahl ist auch eine persönliche. Wer aus religiösen oder ethischen Gründen tierisches oder menschliches Material ablehnt, sollte das früh ansprechen - synthetische Alternativen stehen zur Verfügung.
Kosten
| Verfahren | Größenordnung |
|---|---|
| Auffüllen des Zahnfachs bei Extraktion | 150 bis 400 Euro |
| Kleine Augmentation mit Membran | 300 bis 800 Euro |
| Bone Splitting | 500 bis 1.200 Euro |
| Knochenblock | 800 bis 2.000 Euro |
| Interner Sinuslift | 400 bis 900 Euro |
| Externer Sinuslift | 900 bis 2.000 Euro |
Hinzu kommen Materialkosten und gegebenenfalls die dreidimensionale Bildgebung. Bei gesetzlich Versicherten ist der Aufbau in aller Regel Eigenleistung. Wie sich das in die Gesamtrechnung einfügt, steht unter Kosten eines Zahnimplantats.
Nach dem Eingriff
Ein Knochenaufbau schwillt stärker an als eine reine Implantation. Bewährt hat sich:
- konsequent kühlen am Operationstag, danach eher Wärme meiden
- erhöht schlafen in den ersten Nächten
- kein Nikotin - hier besonders kritisch, weil das Transplantat auf gute Durchblutung angewiesen ist
- keine Prothese, die auf das Operationsgebiet drückt, bis die Praxis sie freigibt
- nach einem Sinuslift zusätzlich: nicht schnäuzen, Niesen mit offenem Mund
Eine Nahtdehiszenz, also ein Aufgehen der Wundränder, ist die häufigste Komplikation. Sie fällt meist zwischen dem fünften und zehnten Tag auf und sollte zeitnah gesehen werden, weil dann noch gerettet werden kann, was sonst verloren geht.
Fazit
Knochenaufbau klingt dramatischer, als er in den meisten Fällen ist: Der Großteil sind kleine Auffüllungen, die im selben Eingriff mitlaufen. Aufwendig wird es bei ausgeprägten Defekten - und die entstehen vor allem dann, wenn nach einem Zahnverlust jahrelang nichts passiert. Wer eine Implantation überhaupt in Betracht zieht, sollte das deshalb früh tun, nicht erst, wenn die Prothese nicht mehr hält.
Themen: Implantate Verfahren