Die Kauflächen der Backenzähne sehen glatt aus, sind es aber nicht. Sie tragen ein System aus Rillen und Grübchen, den Fissuren, das die Nahrung beim Kauen zerkleinert. Manche dieser Rillen sind so tief und so eng, dass keine Zahnbürstenborste hineinkommt - Speisereste und Bakterien aber sehr wohl.
Deshalb entsteht bei Kindern und Jugendlichen ein erheblicher Teil aller Kariesläsionen genau dort.
Wichtige Erkenntnisse
- Fissuren sind enger als eine Borste - normale Reinigung erreicht sie nicht vollständig.
- Die Versiegelung verschließt die Rillen mit dünnfließendem Kunststoff.
- Für bleibende große Backenzähne ist sie bis zum 18. Geburtstag Kassenleistung.
- Sie ersetzt keine Zahnpflege, sondern schützt nur die Kaufläche.
- Regelmäßige Kontrolle gehört dazu: Versiegelungen nutzen sich ab.
Warum gerade die Kauflächen
Drei Faktoren kommen zusammen:
- Die Geometrie. Eine tiefe, schmale Fissur ist am Eingang oft enger als der Durchmesser einer Bürstenborste. Was hineinfällt, bleibt drin.
- Der Zeitpunkt. Frisch durchgebrochene Zähne haben noch nicht ihre volle Schmelzreife erreicht und sind in den ersten Jahren besonders anfällig.
- Die Erreichbarkeit. Der Sechsjahrmolar bricht hinter dem letzten Milchzahn durch, ohne dass ein Milchzahn ausfällt. Viele Eltern bemerken ihn deshalb gar nicht und putzen dort nicht gezielt.
Wie die Versiegelung abläuft
Der Eingriff ist schmerzfrei, kommt ohne Bohren und ohne Betäubung aus und dauert je Zahn etwa zehn bis fünfzehn Minuten.
- Reinigung. Die Kaufläche wird gründlich gesäubert, meist mit einer Bürste oder einem Pulverstrahlgerät.
- Prüfung. Die Fissur wird kontrolliert - optisch, mit Lupenbrille, teils mit Laserfluoreszenz. Nur eine kariesfreie Fissur wird direkt versiegelt.
- Trockenlegung. Der Zahn muss absolut trocken sein, häufig mit Kofferdam oder Watterollen. Dieser Schritt entscheidet über die Haltbarkeit.
- Anätzen. Ein Gel raut die Schmelzoberfläche mikroskopisch auf, damit der Kunststoff haftet. Danach wird gespült und erneut getrocknet.
- Auftragen und Aushärten. Der dünnfließende Kunststoff läuft in die Rillen und wird mit Licht ausgehärtet.
- Kontrolle des Bisses. Überschüsse werden abgetragen, damit der Biss stimmt.
Ist die Fissur bereits kariös verändert, wird der betroffene Schmelz zuvor mit einem feinen Instrument entfernt - erweiterte Fissurenversiegelung. Das ist der Übergang zur kleinen Füllung.
Wer profitiert
Deutlich:
- Kinder und Jugendliche mit tiefen, engen Fissuren
- Kinder mit erhöhtem Kariesrisiko (bereits vorhandene Füllungen, unregelmäßige Putzgewohnheiten, häufige zuckerhaltige Getränke)
- Träger fester Zahnspangen, bei denen die Reinigung erschwert ist
- Menschen mit Einschränkungen, die die Mundhygiene erschweren
Kaum:
- flache, gut zugängliche Kauflächen
- Erwachsene mit über Jahre kariesfreien Kauflächen - dort hat sich die Fissur bereits als unproblematisch erwiesen
Materialien
| Material | Eigenschaften |
|---|---|
| Kunststoff (Komposit) | Standard, sehr haltbar, erfordert absolute Trockenlegung |
| Glasionomerzement | toleranter gegenüber Feuchtigkeit, gibt Fluorid ab, weniger abriebfest - oft als Übergangslösung bei nicht vollständig durchgebrochenen Zähnen |
Bei einem Zahn, der noch nicht ganz durchgebrochen ist und sich nicht trocken halten lässt, ist Glasionomerzement der pragmatische Weg: schützen, bis später sauber versiegelt werden kann.
Kosten und Kassenleistung
- Kassenleistung: Versiegelung der bleibenden großen Backenzähne (Sechser und Zwölfer) bis zum 18. Geburtstag.
- Privatleistung: Versiegelung der kleinen Backenzähne, Versiegelung von Milchzähnen, Versiegelung bei Erwachsenen. Kosten je Zahn üblicherweise 20 bis 60 Euro.
Was die Versiegelung nicht leistet
Sie schützt ausschließlich die Kaufläche. Die Zahnzwischenräume - die zweite Hauptregion für Karies - bleiben unberührt. Wer daraus schließt, dass weniger geputzt werden muss, verschiebt das Problem nur an eine andere Stelle.
Ebenso wichtig: Eine Versiegelung ist kein einmaliger Vorgang. Sie nutzt sich ab, kann an den Rändern undicht werden und wird deshalb bei jeder Kontrolle mit angesehen. Kleine Ausbesserungen sind normal und unproblematisch.
Fazit
Die Fissurenversiegelung ist eine der wenigen Maßnahmen in der Zahnmedizin, die schmerzfrei, schnell, günstig und gut belegt sind. Für Kinder mit tiefen Fissuren ist sie der Standard - richtig eingesetzt schützt sie genau die Stelle, an der Zahnpflege konstruktionsbedingt an ihre Grenze kommt. Was sie nicht ersetzt, ist die tägliche Reinigung der übrigen Flächen.
Themen: Zahnhygiene Kinderzahnheilkunde